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Wie ein Erdbeben…

In Chile kann man hingehen, wo man will, überall gibt es Sicherheitszonen. Ein Ort, wo man vor allen Gefahren geschützt ist, wenn man sich dort aufhält. Dazu muss man sagen, dass Erdbeben in Chile zum Alltag gehören. Einige merkt man überhaupt nicht, andere bewirken eine kleine Erschütterung. Dann gibt es solche, die die Mauern zum Wackeln bringen und natürlich auch die wirklich gefährlichen. Gott sei Dank, dass ich keine gefährlichen Erdbeben erlebt habe, aber eins, bei dem die Mauern wackelten, das Ja. Es hat nur zehn Sekunden gedauert, aber das waren zehn Sekunden, in denen man mit den Füssen nicht wusste, wohin.

Als das geschah, begleitete ich die Kinder vom Kindergarten zu den Toiletten – es handelt sich um Kinder zwischen 4 und 7 Jahren, die aus sehr schwierigen Familienverhältnissen stammen. Als der Boden und die Mauern anfingen zu wackeln, wusste ich, dass ich jetzt gefragt war, die Situation zu meistern. Klar, ich durfte jetzt nicht in Panik geraten. Benjamin G. (6 Jahre) hüpfte in allen Richtungen herum, Angel (7 Jahre) wollte die Toiletten nicht verlassen, Franco und Josue (7 und 6 Jahre) fanden die Situation lustig und Benjamin C. (6 Jahre) rannte los in Richtung Sicherheitszone. Schlussendlich kam niemand zu Schaden und alle konnten darüber lachen. Der Unterricht ging weiter, als ob nichts geschehen war.

Diese Situation hat mich zum Nachdenken über mich selbst und meinen Alltag gebracht. Meine Sicherheitszone ist Gott. Seit ich von der Schweiz weg bin, werde ich tagtäglich mit Neuem konfrontiert. Seien es die anderthalb Stunden, die ich zur Arbeit fahren muss, oder die verschiedenen Gerüche der Nahrungsmittel, Begegnungen, neue Freundschaften, usw. Diese neuen Dinge sind wie kleine Erschütterungen. Sie sind da, aber man spürt sie nicht als solche, und weil ich mich ständig in der Sicherheitszone aufhalte, habe ich vor den Veränderungen keine Angst. Aber manchmal kommt es vor, dass mich plötzlich irgendetwas aus dem Gleichgewicht bringt. Das Heimweh, die Sehnsucht nach meiner Familie, meinen Freunden, oder eine Situation, deren ich mich nicht gewachsen fühle. Und obwohl ich weiss, worin meine Sicherheit liegt, lassen sich diese Momente nicht vermeiden.

Im Kindergarten wird man manchmal mit herzzerreissenden Geschichten konfrontiert. Manche Kinder wachsen auf und bekommen mit, wie zuhause alles Mögliche an Drogen und Waffen auftauchen. Andere werden von ihren Eltern total vernachlässigt und in die Probleme der Erwachsenen mit hineingezogen.

Meine Erdbeben sind die Geschichten dieser Kinder.

Aber ich weiss mich am richtigen Platz hier. Ich bin mir gewiss, dass ich da bin, wo ich sein soll. Und ich gestehe, dass ich mich hier in Chile am meisten darüber freue, wenn ich die Kinder höre, wie sie Gott loben, wenn sie mir sagen, dass sie beten, wenn sich ihre Eltern streiten, aber auch all ihre Sorgen, selbst die kleinsten, vor Gott bringen. Wenn ich weiss, dass sie mit Gott darüber reden, ist das für mich ein Sieg.

Manche Kinder haben den Kindergarten bereits verlassen und kommen in die erste Klasse. Ich weiss, dass ich sie nicht wiedersehen werde, aber ich werde weiter für sie beten.

Ich darf die Auswirkungen der Gebete von den Leuten, die mich unterstützen, sehen. Ich bin mir bewusst, dass ich Zeugin davon bin, dass das Gebet einen mächtigen Einfluss auf unser Leben hat. Wenn ich noch mehr für diese Kinder tun kann, dann ist es für sie beten.

Rebecca Fasel