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Wenn man für jemand ein Wunder ist

Sara ist seit fast 2 Jahren als Physiotherapeutin in Afrika tätig. Sie erzählt uns eine berührende Geschichte.

Chichi´s Geschichte 

Chichi, eine ca. 16-jährige junge Frau, hatte im Oktober 2020 einen schweren Autounfall. Sie brach sich den rechten Unterschenkel. Teile der Muskulatur, Nerven, Blutgefässe und die Haut waren stark beschädigt und lange Zeit wusste man nicht, ob der Unterschenkel überhaupt erhalten werden kann.

Ich lernte Chichi im November kennen, als wir eine Verordnung für Physiotherapie bekamen und ich ihre behandelnde Physiotherapeutin wurde. Schnell wuchs sie mir ans Herz, ein typisches Teenagermädchen mit starkem Willen, Sinn für Humor und immer wieder mit guten Ausreden, weshalb sie die Übungen nicht machen konnte. Aber sie musste auch sehr vieles ertragen: massivste Schmerzen, v.a. wenn die Verbände alle zwei Tage ohne Narkose und zusätzlichem Schmerzmittel gewechselt wurden, 24/7 in einemRaum mit x anderen Patientinnen und deren Angehörigen zu sein, keine Privatsphäre, miterleben wie andere Patientinnen sterben, etc. Das gab mir immer wieder zu denken, v.a. der Umstand des nicht vorhandenen Schmerzmittelmanagement. In meinem Rundbrief (November 20) habe ich das wie folgt erwähnt:

Das Schmerzmittelmanagement, wie wir es in der Schweiz kennen, ist hier praktisch inexistent. Immer wieder fällt mir auf, dass die Patienten und Patientinnen nur sehr schlecht und zum Teil auch gar nicht mit Schmerzmitteln eingestellt sind. Die Gründe sind vielseitig und auch nicht immer so klar erkennbar. Für mich als Physiotherapeutin erschwert es die Arbeit deutlich. Aktuell habe in eine 16-jährige Patientin, die eine massive, offene Unterschenkel-Fraktur hat. Ich habe noch nie eine solch schlimme Wunde live gesehen. Teilweise liegt sie wimmernd, schweiss-überströmt und zitternd im Bett und möchte nur noch sterben, weil die Schmerzen so stark sind. In diesen Situationen ist es mir gar nicht möglich eine Therapie durchzuführen. Ein solches Leiden mitanzusehen ist sehr schwer zu ertragen. Einen Austausch mit den anderen Disziplinen ist kaum möglich, weil die Auffassungen so unterschiedlich sind. So versuche ich aktuell mein Bestes, um die Momente zu erwischen, bei denen sie nur wenige Schmerzen hat und wir so einige Übungen machen können.

Durch meine Abwesenheit im Spital im Dezember und Januar habe ich sie erst wieder im Februar gesehen. Leider war die Wunde immer noch nicht verheilt und es mussten ihr schlussendlich die Zehen amputiert werden, weil sie gar nicht mehr durchblutet wurden. Doch langsam, langsam konnten wir die Gehdistanz verlängern und Anfang März war sie in der Lage auch mal nach draussen zu gehen. So konnte sie auch mal wieder die Sonne und die (einigermassen) frische Luft geniessen.

Mitte März wurde sie dann entlassen, was ich erst ende März mitbekommen habe. Der Grund dafür ist, dass die Patienten zuerst die ganze Spitalrechnung begleichen müssen, bevor sie das Spital überhaupt verlassen dürfen (in anderen Spitälern hier werden die Patienten einfach notversorgt, wenn sie das Geld nicht haben). Ich nahm an, dass es sich nur noch um Tage handelt und habe mich von ihr verabschiedet.

Als ich eines Tages ende April aus der medizinischen Abteilung kam, begegnete mir Chichi´s Mutter im Gang. Sie hob kaum den Kopf als ich sie grüsste, hatte eine gräuliche Gesichtsfarbe und wirkte depressiv. Ich fragte unseren Physio-Assistenten Joe wieso die Mutter immer noch hier ist. Er antwortete mir, dass sie wahrscheinlich die Rechnung immer noch nicht bezahlen konnte. Also gingen wir zur chirurgischen Abteilung (was ein grosses Patientenzimmer pro Geschlecht ist) und tatsächlich Chichi lag wie immer auf ihrem Bett. Nach ein wenig Smalltalk gingen wir wieder. Auf dem Weg zurück zum Physiotherapie Department brachen die Gedanken über mich herein: Dieses Mädchen ist seit sechs Monaten im Spital. Seit eineinhalb Monaten könnte sie wieder zu Hause sein und wieder in die Schule gehen, aber kann sie nicht, wegen dem fehlenden Geld. Die Mutter kann auch kein Geld verdienen, da sie die ganze Zeit bei ihrer Tochter sein muss (Regel in den Spitälern hier: Betreuung durch Angehörige 24/7). All diese Aspekte besprach ich mit meiner Physio-Kollegin Adeola und mit Joe. Sie meinten, dass dies ein besonders krasser Fall sei, aber dass das immer wieder vorkomme. Ich erklärte meinen Kollegen, dass dies nie, nie, nie in der Schweiz vorkommen würde.

Es liess mit keine Ruhe mehr. So gingen wir zum Rechnungsbüro, um herauszufinden wie hoch die Rechnung ist, wie viel die Mutter bezahlt hatte in den letzten eineinhalb Monaten und wie viel noch aussteht. Die Mutter konnte in dieser Zeit nur ungefähr 15 Prozent der Rechnung begleichen. Wenn man annimmt, dass sie etwa die gleichen Geldbeträge Woche für Woche zur Verfügung hätte, um die Rechnung vollständig zu begleichen, dann würde es acht (!) Monate dauern. Acht Monate, in denen Chichi weiterhin im Spital hätte bleiben müssen. Das hat mir fast die Sprache verschlagen. Ich war so bewegt, dass ich Adeola und Joe gefragt habe, wie ich das Geld überweisen konnte. Die schauten mich mit grossen Augen an, denn es waren etwa vier Monatslöhne eines Physiotherapeuten. Das war mir auch völlig bewusst und ich versuchte ihnen so gut wie möglich zu erklären, dass ich im März einen wirklich hohen Betrag von meinen Unterstützern in der Schweiz bekommen habe.

Ich konnte richtig fühlen, wie der Heilige Geist mich in dieser Situation geleitet hat und fühlte einen riesigen Frieden und Freude über Gottes Leiten.

So gingen wir zurück zum Rechnungsbüro, um die Kontonummer des Spitals zu organisieren und ich rief das Rechnungsbüro von SIM an und erklärte die Situation und fragte, ob sie so schnell wie möglich alles in die Wege leiten und das Geld überweisen können. Nachdem alles geklärt war, wollte ich eigentlich, dass jemand aus dem Rechnungsbüro des Spitals bei ihr vorbei geht und ihr einfach sagt, dass sie nach Hause gehen kann, weil die Rechnung beglichen wurde. Aber ich hätte wissen müssen, dass das in Nigeria nicht geht. Das muss offiziell verkündet werden. Also ging ich zurück zu Mutter und Tochter. Meine Kollegin Adeola erklärte ihnen, dass ich die restlichen Kosten übernehmen und dass sie, sobald das Geld überwiesen sei, nach Hause gehen können. Kaum hat sie geendet brachen beide in Tränen aus und umarmten mich. Die Mutter beruhigte sich nach einigen Minuten wieder und erklärte allen anderen im Raum, mindestens zehn andere Frauen waren anwesend, was passiert ist. Einige Frauen brachen sofort in Tränen aus, alle lobten Gott und bedankten sich immer wieder bei mir. Adeola, Joe und ich hatten uns eigentlich alle für sich selber vorgenommen nicht zu weinen, aber die Situation war so ergreifend, dass uns allen die Tränen herunter liefen. In dem ganzen Chaos trat die Angehörige einer anderen Patientin ans Bett und erzählte erstaunliches: Sie habe Sonntagnacht einen Traum gehabt, dass Chichi und ihre Mutter entweder diese oder die darauffolgende Woche das Spital verlassen könne. Sie war sich zuerst nicht sicher, ob sie der Mutter das erzählen sollte, um keine falschen Hoffnungen zu wecken. Doch entschied sie sich es ihr am nächsten Tag zu erzählen. Chichi´s Mutter war skeptisch. Aber einen Tag später wurden die Gebete erhört und der Traum wure Realität. Nach dem sich alle ein wenig beruhigt hatten, beteten wir zusammen und lobten Gott für seine Treue, sein Eingreifen und sein Leiten. Es war für mich einer der schönsten Momente bis jetzt hier. Zusammen mit Chichi und ihrer Mutter, Adeola und Joe, Personen vom Pflegeteam und anderen Patientinnen und deren Angehörigen zu staunen über Gottes Eingreifen und IHN dafür preisen.

Am nächsten Tag war dann das Geld überwiesen und Chichi konnte nach sechs Monaten endlich wieder nach Hause gehen.

“Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Er ist ein Vater von unendlichem Erbarmen und ein Gott voller Trost. In allem Druck, unter dem wir stehen, ermutigt er uns, damit wir unsererseits die ermutigen können, die irgendwie bedrückt werden. Weil Gott uns getröstet und ermutigt hat, können wir andere trösten und ermutigen.”

Sara, April 21