Joël & Marianne Sommer
News
Unser Freundesbrief von Ende März 2011
Liebe Freunde,
Wie lebt man in einer von politischen Unruhen geprägten Welt?
Wie geht man um mit Ungerechtigkeit, Flucht und Tod?
Was hat all das zur Folge im Leben Betroffener?
Die folgenden Schicksale sollen euch ein wenig Einblick geben in unsere Beziehungen und in den Alltag in einem Krisengebiet. Solche Szenarien existieren ja im Moment nicht nur in der Côte d'Ivoire!
Abel der Schreiner
Von Abel haben wir in einem Bericht auf unserer Homepage kurz erzählt. Er hat uns nach unserem Einzug in unser Haus nach und nach alle unsere Möbel angefertigt.
Unter einem wackeligen Bretterdach, besser gesagt im Freien, arbeitete er mit seinen Lehrlingen, die z.T. Brüder aus seiner Familie sind. Seine fertigen Möbelstücke stellte er an der nahen Durchgangsstrasse aus (etwa wie bei Möbel Pfister die Schaufenster).
Seine Möbel waren vor allem von Hand angefertigt, robust und einfach. Aber sie bewähren sich. Manchmal ist uns zwar sein "Business-Sinn" ganz schön an den Nerv gegangen. Man gab ihm einen Vorschuss für ein geplantes Möbelstück, damit er schon mal das Holz einkaufen konnte, und dann ging die Arbeit nicht voran.
Fast täglich gingen wir bei ihm vorbei, um ihn etwas anzutreiben. Oft war er nicht da. Bis wir dann feststellten, dass er unser Geld in den Kauf von Materialien für einen andern Kunden investiert hatte, weil er eben dessen Vorschuss für Medikamente aufgebraucht hatte? Tja, ein ganzer Rattenschwanz von Geschichten, die ich euch ersparen will.
Aber kurz und gut: bis im Dezember des vergangenen Jahres hatten wir alle unsere Möbel beieinander?ausser einem Gästebett. Aber da sich niemand für einen längeren Besuch angekündigt hatte, wollten wir damit bis im neuen Jahr warten. Dann kam die Krise dazwischen und wir landeten in der Schweiz.
Im Januar nach unserer Rückkehr suchten wir Abel auf. Dabei stellten wir fest, dass diese Durchgangsstrasse mit Stacheldraht und Barrikaden abgesperrt und nicht mehr zur Durchfahrt bestimmt war. Weshalb? Einer der beiden Präsidenten hat seinen Wohnsitz, das Hotel Golf, gerade nebenan. Alles ist verbarrikadiert und der ganze Verkehr, der sich sonst hier Richtung Stadtinneres durchschlängelt, musste sich andere Wege suchen. Also keine Kunden mehr für Abel?
Er ist nicht mehr aufzufinden, sein Arbeitstisch umgestossen, sein Schattendach zerstört. Wir fahren zurück zum nächsten Schreiner. Vielleicht kennt er ihn. Wir fragen uns durch.
Ja, man kenne Abel. Ja, er sei bedroht und gezwungen worden, seinen Platz zu verlassen. Scheint's habe er sich geweigert, dann habe man ihn geschlagen. Ja, jetzt sei er zurück nach Togo in seine alte Heimat gezogen?
Wir sind betroffen. Ein Schicksal mehr, das zwar mit dem Leben davon gekommen ist, das aber einfach eine andere Wende nehmen musste, weil die Umstände es dazu zwangen. Es tut uns leid um Abel.
Zwei Monate später klingelt mein Handy. Es ist Abel aus Togo!
Er will fragen, wie es uns gehe (das ist Kundendienst! Pfister könnte sich da ein schönes Stück davon abschneiden.). Immer wieder werden wir unterbrochen und immer wieder läutet er zurück. Beim fünften Anruf fragt er mich, ob ich ihm nicht Geld schicken könnte, seine Mutter sei krank und er selber möchte eigentlich nach Abidjan zurückkehren. Ich erkläre ihm, dass das nicht gehe, da die Banken geschlossen seien und ein Transfer ins Ausland nicht möglich sei.
Ein paar Tage später telefoniert mir sein jüngerer Bruder. Er habe zurückkommen können nach Abidjan und versuche nun, das Geschäft seines Bruders wieder in Gang zu bringen?
Leider wohnt er in einem Gebiet, das im Moment auch für uns nur schwer zugänglich ist. So muss das Gästebett immer noch ein wenig warten.
Nathalie, ein Mädchen aus Abobo
Abobo heisst das Viertel, wo viele Menschen in den vergangenen Wochen ums Leben gekommen sind, und das die Leute in Massen fluchtartig verlassen haben.
Nathalie, ca.10-jährig sitzt am Montag neu in meinem Werkunterricht. Sie sagt mir nach mehreren Aufforderungen leise ihren Namen. Ich integriere sie so gut als möglich in die angefangenen Arbeiten. Sie hat mit ihrer Familie flüchten müssen, ist jetzt bei Verwandten in unserem Quartier untergebracht und besucht kurzerhand mit deren Kindern die hiesige Schule.
Ihre Augen sind leer und immer wieder versuche ich sie aus ihrer Abwesenheit zu locken.
Was hat sie in den vergangenen Wochen alles gesehen? Was haben ihre Ohren alles gehört? Auch wir überfliegen im Internet die grausamen Bilder der auf brutale Art ums Leben gekommenen Menschen aus Abobo. Aber wie geht ein Kind damit um, das unter seinem Bett gelegen hat und gehofft, es werde von keinem Schuss getroffen und dann auf der Flucht an leblosen Menschen vorbei geeilt ist?
Auch wir bekommen aus der Ferne den Lärm der Gewehre und dem groben Geschütz mit, aber wie ist es, wenn man mittendrin ist?
Die nächste Woche ist Nathalie bereits nicht mehr im Unterricht. Wo zog die Familie jetzt hin? Ins Dorf, raus aus der Stadt? Oder gar zurück ins alte Haus? Aber sicher ist es dort noch nicht?Solche Schicksale gibt es im Moment massenhaft.
Übrigens sind im Moment in der Côte d'Ivoire wegen den jetzigen Zuständen ca. 800 000 Kinder ohne Schulbesuch! Man stelle sich das vor! Ihr Schuljahr wird voraussichtlich einfach gestrichen. Die Zukunft der jungen Generation, wie sieht die wohl aus?
Elie und die Bananenplantage
Elie ist unser Kleingruppenleiter (die "Kleingruppe" ist eine Zelle innerhalb unserer Kirche, die sich vierzehntäglich bei jemandem zuhause zum Beten, Austauschen und Essen trifft). Er hat einen verantwortungsvollen Posten in einer Bananenplantage. Diese wird durch betriebseigene Helikopter mit Dünger, Insektizid oder was auch immer versorgt. Kürzlich wurde die Helikopterbase von jungen Patrioten angegriffen, der Helikopter zerstört, der Motor entfernt und abtransportiert - in der Annahme, es sei ein Helikopter der UNO! Dass sich die Angreifer am Objekt getäuscht hatten, ändert nichts an der Tatsache, dass dadurch ein weiterer Zweig der landeseigenen Wirtschaft zu Schaden gekommen ist. Zum Glück konnte Elie im rechten Moment eingreifen, denn das Leben der Arbeiter auf der Base wurde bereits bedroht.
Wir sind betroffen von vielen solchen Schicksalen.
Wir können nach wie vor unserer Arbeit nachgehen und unsere wöchentlichen Einkäufe tätigen. Wir fühlen uns immer noch am rechten Platz und möchten so gerne miterleben, wie Gott in diese verworrene Situation positiv eingreift und das Land zu einer Lösung kommt!
Leider sind die beiden Fronten immer verhärteter und menschlich gesehen ist die Lage wirklich unmöglich.
Danke für alle eure Gebete!
Danke für eure Ermutigungen und für eure E-Mails und Skype-Anrufe. Sie helfen uns etwas Abwechslung in unseren ziemlich ans Haus gebundenen Alltag zu bekommen!
Mein letztes Bild zum Thema "Frieden" trocknet an der Sonne und wartet auf .......... Frieden!
Liebe Grüsse aus Abidjan
Marianne & Joël Sommer
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